Connected Enterprise¹ – ein Blick auf anstehende Paradigmenwechsel

Evolutionäre Ansätze haben ihre Grenzen in ihrer Wirkung auf Effizienzsteigerungen und Kostenoptimierungen. Die in regelmässigen Abständen publizierten Trends für das aktuelle und Folgejahr stellen deshalb keine Hilfe für eine langfristige Strategie dar.
Was tun? Die hinter den Trends stehenden Paradigmen eröffnen einen Blick in die Zukunft und bieten einen Kontext für Veränderungen im Unternehmen.

Gemäss einer kürzlich veröffentlichen Studie² werden von den befragten Unternehmen in der DACH-Region folgende Top-Anforderungen an die IT genannt:

  • Effizienz der IT steigern sowie schnellere Bereitstellung von IT-Services
  • Unterstützung des Unternehmens beim Wandel, Verbesserung der Geschäftsprozesse
  • Bereitstellung konstant stabil laufender und sicherer IT-Services

 

Doch wie soll nach jahrelangen Optimierungen noch weiter die Effizienz verbessert, Kosten gespart und gleichzeitig ein stabiler Betrieb gewährleistet werden? Im Blog-Artikel von Franco Brazzale „Warum grosse Firmen versagen – die Kraft technologischer Quantensprünge“ wird sehr anschaulich aufgezeigt, weshalb evolutionäre Ansätze oft an Grenzen stossen und für langfristig ausgerichtete Veränderungen revolutionäre Ansätze entscheidend sind.

Die meist als technologische Entwicklungen formulierten Trends kommen nicht von ungefähr. Sie folgen einem Paradigma und erklären den Kontext der Innovationen. In diesem Artikel werden anhand der klassischen Innovationsfelder die aktuellen und anstehenden Paradigmen beschrieben. Falls die Paradigmenwechsel richtig identifiziert werden können, bietet sich einem Unternehmen die Chance auf eine langfristig ausgelegte Strategie und zielgerichteter Nutzung von Potenzialen.

 

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Markt Innovation

Die Beeinflussbarkeit von Konsumenten über einen Brand war vor noch nicht allzu langer Zeit und mit genügend finanziellen Mitteln relativ leicht zu erreichen. Eine mitunter durch die Globalisierung heterogenere Kundschaft erfordert immer differenziertere Marktbearbeitungsmethoden. Die Einflüsse von Social Media, Bildung von Communities, der Beitrag von Kunden in der Bewertung von Produkten machen es den Unternehmen nicht einfacher ihre Kundschaft zu beeinflussen.

Es kann unzweifelhaft festgestellt werden, dass Unternehmen und Brands, die noch vor wenigen Jahren „funktionierten“, immer mehr in Bedrängnis geraten.

Ein Paradigmenwechsel, der mit SMAC (Social, Mobility, Analytics, Cloud) einen Begriff gefunden hat, zeigt bereits Wirkung in verschiedenen Unternehmen. Als Beispiel sei hier mit Walgreens der grösste Arzneimittelhändler in den USA zu nennen. Kunden werden über Apps (mobility) in die Lage versetzt überall und jederzeit ihre Bestellungen über Bar Code Scanning oder hinterlegten Rezepten oder bisherigen Einkäufen (analytics) ihre Bestellungen aufzugeben. Die Kunden bekommen über die App medizinische Unterstützung, können sich mit anderen Kunden über Befunde austauschen (social), erhalten Online Übersichten zur Lagerung von Artikeln im Laden etc. Den Kunden werden damit alle technischen Hilfsmittel angeboten, die noch vor kurzem nur für interne Mitarbeiter zugänglich waren.

Diese Entwicklungen sind eine konsequente Weiterentwicklung der „Supply Chain Konzepte“, die bisher vielfach nur mit Lieferanten so intensiv eingegangen worden sind. Anstelle einer künstlichen Abgrenzung zum Kunden wird eine vertiefte Vernetzung angestrebt und damit eine weitere Stufe in der Evolution des Connected Enterprise.

Im Zusammenhang mit dem Connected Enterprise wird aktuell auch hinsichtlich Vertragsgestaltung über einen Paradigmenwechsel diskutiert. Die immer stärkere Individualisierung des Leistungsbezugs sowie die schwerfälligen Verträge zwischen den Unternehmen haben und werden noch jahrelang gute Dienste leisten, stehen aber ebenfalls auf dem Prüfstand. In Analogie der immer stärkeren Fokussierung auf den effektiven Bedarf eines Mitarbeiters wird in der Rechtsforschung über „user centric contracts“ debattiert.

 

Produkt Innovation

Seit mittlerweile rund 10 Jahren ist der Begriff „pay per use“ in den Google Suchindices gelistet. Wenn man bedenkt, dass schon seit viel längerem Autos vermietet werden, würde man dies nicht als wirklich neuen Trend bezeichnen. Im Folgenden sollen vor allem stark von der Informationstechnologie abhängige oder resultierende Produkte betrachtet werden.

Mit dem „pay per use“ Ansatz werden Waren als Dienstleistungen angeboten und zwar genau dann, wenn man als Kunde den Bedarf dazu hat. Es ist bereits möglich, sich online per Mausklick IT Dienstleistungen aus dem Rechenzentrum als Verbund von Server, Speicher, Firewalls etc. zusammen zu klicken. Diese Entwicklungen werden demnächst auch oberhalb der Infrastruktur Ebene zu beachten sein. Dieser Trend wird als „as a service“ bezeichnet und immer mehr für Plattformen und Software in Erscheinung treten.

 

Prozess Innovation

Schon seit längerem hat in der Informationstechnologie ein Wechsel von „build-to-order“, also erst auf Bestellung realisierte Leistungen, zu „build-to-serve“ hin stattgefunden. Die Technologien zur Virtualisierung, zusammen mit den dazu notwendigen Prozess und Management Werkzeugen, haben es erst möglich gemacht, standardisierte Leistungen in wenigen Minuten bis Stunden produktiv online stellen zu können.

Zu beobachten sind hierbei besonders die Trends zu autonomen, selbstregulierenden Systemen ohne manuellen Eingriff von Menschen. Aufgrund der stark systemgestützten Prozessabwicklung ist eine hohe Abhängigkeit zur unterliegenden Technologie klar gegeben. Solche autonomen Systeme, auch „robotic-as-a-service“ genannt, sollen vor allem mit hoher Zuverlässigkeit wiederholbare Prozess- Schritte verarbeiten können. Ebenfalls in der Diskussion sind autonome Agents, die aufgrund von Benutzerprofilen Informationen aggregieren und ausliefern können. Auch hier zeigt ein Blick in die Industrie, vor allem die Automobilindustrie, dass es sich um keinen wirklich neuen Ansatz handelt. Vielmehr stellt es eine logische Evolution in der Industrialisierung von IT-Prozessen dar. Ebenfalls in diese Richtung werden die Maschine-to-Maschine Lösungen vorstossen. Noch ist zu beobachten, dass Begriffe und Trends wie M2M, Smart Metering in der Energie oder auch Internet of Things auf technologischer Ebene diskutiert werden. Im Kern handelt es sich bei allen Trends um Technologien, die zu einer hohen Prozessautomatisation in der Informationstechnologie führen werden.

 

Technologie Innovation

Einige Technologie Innovationen wurden aufgrund der hohen Prozessintegration bereits genannt. Vor allem im Englischen werden unter dem Begriff „Next-generation IT Infrastructure“ verschiedene Trends gruppiert. Auch dieser Begriff ist mittlerweile schon rund 10 Jahre in Gebrauch und sollte nicht mit den damals aktuellen Themen verwechselt werden. McKinsey nennt folgende Trends unter diesem Begriff: Open Source Environments, Software Defined Networking and Storage, Cloud Orchestration, Application Configration Management. Nach Massstab dieses Artikels dienen alle dieser technologischen Entwicklungen einem effizienteren „build-to-serve“. Als Beispiel werden mit Software Defined Networks Services wie Datenfluss, Policy und Zugriffsverwaltung aus der Infrastruktur in die Software Ebene im Sinne von Cloud Diensten gelegt. Im Gesamtkontext handelt es sich bei allen Trends um die logische Evolution einer komplett virtualisierten IT-Landschaft, die nicht mehr an geographische oder infrastrukturelle Elemente gebunden ist und überall, jederzeit per Mausklick bereitgestellt werden kann.

 

Capability Innovation

Die Verfolgung der genannten Innovationsfelder ist hoch interessant und bietet bisher ungeahnte Perspektiven. Vor allem bei den stark auf Technologie abstützenden Innovationen darf jedoch nicht vergessen werden, dass die entsprechenden Kompetenzen für Entwicklung (Change the Business) und Betrieb (Run the Business) eine unverzichtbare Komponente darstellen.

Ohne hochmotivierte, gut ausgebildete Mitarbeiter sind die sich bietenden Potenziale nicht zu erreichen. Ein erfolgreicher Marktauftritt bedingt Kompetenzen in den Innovationsfeldern Markt, Produkt, Prozess und Technologie. Erst im Zusammenspiel entwickeln sie das Potenzial.

Zwei Bereiche für Capability Innovation sind besonders erwähnenswert:

  • Service Integration Capabilities: Eine Standardisierung und Automatisierung komplexer Technologien rechnet sich erst ab einem bestimmten Mindestvolumen. Kleinere Firmen können die immer komplexer werdenden Technologien erst sinnvoll in einem Sourcing Modell einbinden. Die Bündelung von extern erbrachten Leistungen zu einer eigenen Dienstleistung erfordert ein hohes Mass an Integrationskompetenz von Architektur, Design, Verkauf bis hin zum Support. Was in der Industrie mit einer immer geringeren eigenen Wertschöpfung schon lange vollzogen wurde, wird zunehmend in der Informationstechnologie zum Thema.
  • Next Generation of Work: Man kann davon ausgehen, dass Mitarbeiter mit den erforderlichen Kompetenzen und Aktivitäten in Social Media einen fast uneingeschränkten Zugang zu Informationen haben. Die Mitarbeiter sind vernetzt mit Kunden, Lieferanten aber auch mit Kollegen bei Mitbewerbern. Typisch hierarchische, Meeting basierende Unternehmensführungen wirken da wie ein Fremdkörper ohne notwendige Effizienz. Auch im Kompetenzbereich handelt es sich um ein Connected Enterprise. Die Nutzung der Potenziale erfordert auch eine Überdenkung bisheriger Modelle der Unternehmensführung sowie den Einsatz von Technologien zur Unterstützung des Wissenstransfers.

 

Betrachtet man die hinter den Trends stehenden Paradigmen, erklären sich gewisse Entwicklungen in einem verständlicheren Kontext. Mit Blick auf andere Branchen muss man feststellen, dass in der IT die Industrialisierung noch nicht weit fortgeschritten ist und noch viel an Potenzial aufweist. Insofern lohnt es sich durchaus, Analogien zu anderen Branchen zu schaffen um erfolgreiche Trends und Konzepte für die zukünftige Entwicklung ableiten zu können.

 

 

 

¹ Connected Enterprise heisst tiefgreifende Vernetzung des Unternehmens mit Kunden, Lieferanten
² IT Trends 2014, von Capgemini

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