Energieversorger – Die neuen Herausforderungen für kleinere und mittlere EVU

In jüngster Zeit befindet sich die Energiebranche in einem seit ihrem Bestehen noch nie dagewesenem Wandel. Dies hat mehrere Gründe – politische und wirtschaftliche, die miteinander eng verknüpft sind. Die Subvention erneuerbarer Energie im Ausland hat zu einem Preiszerfall des Stromes geführt. Die Politik hat Marktöffnung beschlossen; in der Schweiz momentan nur für Grosskunden. Ab 2018 (gemäss Fahrplan des Bundes) gilt dies auch für Privatkunden, was allerdings noch heftig debattiert wird. Der Zeitpunkt der vollständigen Liberalisierung ist offen und kann sich durchaus verzögern. Allerdings wird eine Marktöffnung mit grosser Sicherheit eintreten, wenn auch erst später (2019-2020).

 

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EVU Wirkgrössen und deren mögliche Auswirkungen

 

Strommarkt Status heute

Der Strommarkt ist heute noch für die meisten Kunden ein Monopolmarkt, private wie geschäftliche. Die Marktöffnung ist erst für Kunden mit grossem Volumen à 100 MWh liberalisiert. Allerdings wird eine Marktöffnung für alle Kunden in absehbarer Zukunft erwartet mit Ziel 2018 (was mit grosser Wahrscheinlichkeit aber später wird).

Die Entbündelung ist heute Pflicht (StromVG, Revision 1. Juni2015), was eine buchhalterische, informatorische und organisatorische Trennung von Netzbetreiber, Stromlieferant und Erzeuger bedingt. Diese Regelung gilt für alle EVU, ob gross oder klein. Zusätzlich verlangt das Gesetz, dass sensible Daten vertraulich behandelt werden. Dies gilt insbesondere auch für den Datenaustausch innerhalb desselben EVUs zwischen den verschiedenen Bereichen.

Mehrere Grössen wirken heute schon auf die EVU, weitere sind wahrscheinlich in naher Zukunft. Es stellt sich nun die Frage welche Auswirkungen diese Einflüsse auf die EVU haben, sei es in der Strategie, im Geschäftsmodell, auf die Prozesse und auch auf die IT (Informationstechnologie). Womit sollen kleinere EVU beginnen?

 

Fokus auf Kunden

Die kleinen und mittleren EVU (Stadtwerke) haben den Lokalvorteil. Sie kennen ihre Kunden wie auch die Kunden ihrer EVU. Die Kundenbindung ist eminent wichtig; es gilt diesen Vorteil auszuspielen. Die zu erwartende starke Konkurrenz hat hier nämlich einen gewichtigen Nachteil da sie weder den Kunden kennt noch jemals Kontakt zu ihm hatte.

Verkauf, Marketing und Kundensupport werden sehr wichtig werden. Bis heute hatten sie nur untergeordnete Priorität. Hier lohnt es sich zu investieren bevor die Konkurrenz die Kunden mit tieferen Preisen abholt.

Wechselkosten: Jeder Kundenwechsel verursacht Kosten. Es gilt die Kunden auch aus Sicht der Wechselkosten zu behalten. Kunden neu zu gewinnen ist 10-mal teurer als Kunden zu behalten und zu pflegen.

 

Effizienz steigern – Kosten senken

Die erwartete Konkurrenz wird zweifellos versuchen mit tieferen Preisen Kunden zu gewinnen. Um gerüstet zu sein bis zu einem gewissen Grade nachziehen zu können, müssen die Kosten optimiert werden, das heisst keine unnötigen Investitionen in Netze, Produktion, IT etc.

Zweifellos werden durch neue Regulierungsvorschriften und der Liberalisierung die Anforderungen an die Abrechnungskette anspruchsvoller. Kleinere und mittlere EVU kaufen diese Leistungen oft mit Vorteil extern ein (Outsourcing) und bauen sich selbst kein vollständiges IT-System auf. Kostenschätzungen gehen von mindestens 2 Mio. Zählern pro Abrechnungssystem aus. Die Schweiz mit ca. 4 Mio. Zählern würde daher zwei Abrechnungssysteme benötigen.

 

Welche Indikatoren sind zu beachten?

Auch wenn es momentan den Anschein erweckt, dass sich nichts ändert, ist es sehr ratsam auf Indikatoren einer Veränderung zu achten. Denn beginnt sich der Markt zu bewegen, kann es sehr schnell zu signifikanten Kundenabflüssen kommen wie man aus liberalisierten Ländern erfahren konnte.

Indikatoren:

  • Markant zunehmende Regulierungsbestimmungen. Regulierung zur Informationstechnischen Trennung, Eigenverbrauchsregelungen sind schon in Kraft, Privatkunden-Liberalisierung noch nicht, ist aber wahrscheinlich.
  • Starke Zunahme der EVU-Konsolidierung.
  • Änderung der Lokalpolitik wie z.B. Kostentransparenz, Beschäftigungspolitik.
  • Investitionsbedarf steigt markant. Kann durch veraltete Netze verursacht sein, auch durch neue Kundenanforderungen, z.B. Prosumer (Kunden die auch Energie ins Netz einspeisen).

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EVU Geschäftsprozesse – mögliche Ansatzpunkte

 

Worin besteht das grösste Risiko?

Das grösste Risiko besteht darin gute Kunden zu verlieren, insbesondere durch fehlende Aufmerksamkeit. Verschiedene Umfragen haben gezeigt, dass die EVU glauben ihre Kunden umsorgt zu haben und daher auf eine grosse Kundenzufriedenheit zählen können.

Die Zufriedenheit aus Kundensicht hingegen ist wesentlich weniger positiv. Kunden bemängeln langsame Prozesse, Unflexibilität, starre Tarife und allgemein ein mangelndes Eingehen auf ihre Bedürfnisse. Diese Diskrepanz birgt ein erhebliches Gefahrenpotenzial, das im liberalisierten Umfeld dazu führen kann Kunden zu verlieren. Da noch genügend Zeit zum Handeln zur Verfügung steht, lassen sich proaktive Massnahmen ausführen.

Proaktive Massnahmen:

  • Der grösste Vorteil eines lokalen EVUs ist die Kundenähe. Die Kundenbindung soll gestärkt werden.
  • Der Kostendruck nimmt unweigerlich zu, daher ist es ratsam Transparenz in die Kostenstruktur zu bringen und Kosten zu optimieren.
  • Die Strategie und das Geschäftsmodell müssen angepasst werden, je nach Gewichtung und Verlauf der Indikatoren. Beispielsweise werden traditionelle Bereiche wie Meter-to-Cash, Stromerzeugung und Technik der Netze an Bedeutung verlieren und können oft vorteilhaft an eine externe Firma ausgelagert werden. Konzentration auf die Kernkompetenzen ist hier das Stichwort.

 

P.S.: Zum Thema Energieversorger Szenarien und Strategie von Energieversorgungsunternehmen (EVU) hat Intercai eine Studie erstellt:

„Perspektiven für die EVU in der Schweiz“

Eine Antwort zu “Energieversorger – Die neuen Herausforderungen für kleinere und mittlere EVU”

  1. Franco

    Pata rhei – alles fliesst!
    Die Marktakteure treffen hier auf eine neue Komplexitäten, die mit Lösungen von gestern nicht zu bewältigen sind.

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