Liberalisierung – ein Dauerbrenner im Strommarkt

Die Liberalisierung im Strommarkt ist seit Jahren ein Dauerbrenner. Erst letzte Woche hat der Bundesrat den nächsten Schritt der Liberalisierung angekündigt, die Liberalisierung des Strombezugs für Privathaushalte.

Aber die Auswirkungen der Liberalisierungswellen sind schon seit Jahren ständige Wegbegleiter der Strombranche geworden, manifestiert durch konstante Marktveränderungen, schnelleres und kundenorientiertes Wirtschaften, neue Geschäftsmodelle oder eine breit propagierte Dienstleistungsorientierung.

Aber das haben wir alles schon mal gehört – da war ja die Liberalisierung im Telekommunikationsmarkt, im öffentlichen Verkehr oder bei der Post. Haben wir somit die Rezepte für den erfolgreichen Change bereits zur Hand? Rezepte wie Kundenorientierung und Kundenmanagement, neue Dienstleistungen, mehr Innovation, flexiblere Strukturen, schnelleres Handeln.

Aber sind die Liberalisierungswellen im Strommarkt mit derjenigen, wie zum Beispiel im Telekommunikationsmarkt, so eins zu eins vergleichbar? Wir denken nicht. Dennoch ist es interessant zu analysieren wo genau es sich lohnt, hinzuschauen und zu lernen, um nicht die gleichen Fehler zu wiederholen.

 

Einiges gemeinsam – und doch grosse Unterschiede

Die Märkte Strom und Telekommunikation hatten und haben vor den Liberalisierungswellen viel gemeinsam. Die Geschäftsmodelle sind stark abhängig von immensen Investitionen in Infrastruktur. Der Kunde ist sich hohe Zuverlässigkeit gewohnt. Die Firmen sind in einem wenig kompetitiven Umfeld tätig, meist im Besitz der öffentlichen Hand. Und beide Märkte unterhalten essentielle Infrastrukturen und bieten unverzichtbare Dienstleistungen für die Schweizer Wirtschaft und den privaten Wohlstand. In beiden Märkten haben sich die Margen der Umsatzträger stark reduziert. Das limitierte Angebot ist in ein Überangebot umgeschlagen.

Trotzdem präsentiert sich eine sehr unterschiedliche Ausgangslage zwischen dem Telekommunikations- und dem Strommarkt:

  • Der wohl wichtigste Unterschied ist im politischen Umfeld zu finden. Der Strommarkt ist den politischen Entscheiden und Tendenzen sowie deren Unberechenbarkeit, z.B. bezüglich Strategie oder Subventionsverhalten, viel stärker ausgesetzt. Der Telekommunikationsmarkt kennt zwar auch einige politisch motivierte Sonderbarkeiten (man erinnere sich an die Vergabe der 3G Lizenzen), diese sind aber eher untergeordnet im Vergleich zur heutigen Situation im Strommarkt. Hier werden zurzeit ganze Geschäftsmodelle und Langfristinvestitionen über den Haufen geworfen.
  • Die Subventionspolitik hat das Marktgefüge nachhaltig verzehrt. Die übermässige Unterstützung vor allem in Windenergie und Photovoltaik haben ein Energieüberangebot generiert. Gleichzeitig ist der klassische Nachfragepeak vor allem im Süden praktisch weggefallen und damit die Extramargen für Spitzenenergie. Der Preiszerfall hat zudem grosse Infrastrukturobjekte (Margenerzeuger) zu Verlustobjekten werden lassen.
  • Der Telekommunikationsmarkt war von Beginn weg gekennzeichnet von einem mehr oder weniger ausgeprägten Infrastrukturwettbewerb. Mehrere Anbieter haben mit verschiedenen, meist eigenen Infrastrukturen agiert. Beim Strommarkt wird kaum ein Wettbewerb auf den Netzanschlüssen stattfinden, wäre auch wirtschaftlich nicht sinnvoll. Ein Anschluss genügt normalerweise für einen Kunden. Verteilnetzbetreiber werden in den Anschlüssen eine Monopolstellung aufrechterhalten können.
  • Das Dienstleistungsangebot im Strommarkt bleibt der Strom in unterschiedlicher Ausprägung und mit Zusatzdienstleistungen. Im Vergleich dazu hat sich das Umfeld im Telekommunikationsmarkt stark verändert. Anbieter von Inhalten, intelligentere Endgeräte und neue Dienstleistungen haben die Geschäftsmodelle nachhaltig verändert. Die Swisscom hat es geschafft mit dem Einstieg in den TV Markt sich zu differenzieren und neue Dienstleistungen zu generieren. Analogien im Strommarkt könnten sich im Bereich dezentraler Stromerzeugung und Strommanagement bieten. Diese neuen Geschäftsmodelle werden den Wettbewerb ankurbeln, sicher auch durch den Einstieg von neuen Marktteilnehmern.
  • Die Liberalisierung im Telekommunikationsmarkt war geprägt von den Technologieentwicklungen im Mobilumfeld und dem Internet was vor allem auch das Nutzerverhalten stark verändert hat. Das rasante Wachstum der Mobil- und Internetnutzer Ende der neunziger Jahre hat die Liberalisierung enorm beschleunigt. Dies hat nicht nur neue Marktteilnehmer beflügelt sondern auch den Wettbewerb internationaler gestaltet. Neue Player sind am Markt aufgetaucht, neue Geschäftsmodelle haben sich etabliert und auch die regulatorischen Rahmenbedingungen haben sich angepasst. Eine ähnliche Dynamik könnte im Strommarkt die Eigenproduktion und Stromspeicherung zum Eigengebrauch entwickeln. Ob diese Änderungen in ähnlichem Tempo und in vergleichbarer Auswirkung sich manifestieren werden, wird sich zeigen.
  • Interessant bezüglich der Geschäftsmodelle könnte das Konzept des Prosumers werden – Kunden, welche Konsumenten und Produzenten sind. Solche Konzepte haben die Veränderungen im Telekommunikationsmarkt nur wenig oder gar nicht geprägt (Ansätze sind erst als Anbieter von Apps und Content aufgetaucht).
  • Als Besonderheit präsentieren sich auch die Marktstrukturen der Strombranche. Im Strommarkt tummeln sich einige grosse aber auch viele mittlere und kleinere Unternehmen, welche regional agieren und unterschiedlichste Teile der Wertschöpfungskette abdecken. Die Querverbindungen zwischen den Marktteilnehmern zählen zudem zu einer Besonderheit des Strommarkts.
  • Schliesslich ist Dynamik und Verhalten des Kunden bezüglich Telekommunikation unterschiedlich. Ein Handy wird im Schnitt alle 2 Jahre gewechselt, Zweitanbieter für Fix oder Mobile sind durchaus valable Alternativen. Es wird sich erst zeigen müssen, was ein Kunde bewegen wird einen Stromanbieter zu wechseln.

Die Liste der Unterschiede ist sicherlich nicht abschliessend und wird sich über die Zeit noch verändern. Sie zeigt aber deutlich, dass Vergleiche zu früheren Liberalisierungswellen nicht eins zu eins übertragbar sind.

 

Neue Geschäftsmodelle könnten auch im Strommarkt zur grössten strukturellen Veränderung führen

Dennoch lohnt sich ein genaueres Hinschauen, wie sich die Veränderungen im Telekommunikationsmarkt abgespielt haben. Die grössten Herausforderungen und Veränderungen sind mit den sich ändernden Geschäftsmodellen entstanden. Einige Stichworte: Mobilnetz, Internet, Breitbandkommunikation, Smartphone, Internet TV etc. Neue Anbieter, Diversifizierung und Verschmelzung von Märkten haben die Strukturen durcheinander gewirbelt und nachhaltig verändert.

Kann dies im Strommarkt auch geschehen? Die Tendenzen sind schon da: Smartgrid, dezentrale Stromproduktion, intelligentes Strommanagement und alternative heute noch nicht denkbare Energiequellen und Speichermöglichkeiten. Diese Veränderungen ermöglichen es auch neuen Marktteilnehmern sich zu etablieren. Dienstleistungsanbieter, welche Flächen auf Hausdächern mieten um Strom zu produzieren. Lokale Stromgemeinschaften, welche gemeinsam Energie einkaufen, produzieren, speichern und managen. Und sicher auch Modelle, welche heute noch nicht angedacht sind. Neue Player im Energiemarkt sind zu erwarten, z.B. Grosse Unternehmen mit hohem eigenem Immobilienbesitz oder Energiebedarf treten als Energieunternehmen selber am Markt auf (z.B. Grosshandel).

 

Die Flexibilität in der Politik – die grössere Herausforderung als die Liberalisierung

Wenn vor Jahren noch die Liberalisierung und die damit verbundenen Regulationen als grösste Herausforderungen im Strommarkt angesehen wurden, so ist dies mindestens zurzeit bei grösseren Stromfirmen nicht mehr so. Die Subventionspolitik hat den Fokus verschoben und wird die Investitionsstrategien der Unternehmen stark beeinflussen, die heutigen Geschäftsmodelle sind mindestens zurzeit untauglich und müssen überprüft werden.

Die Unberechenbarkeit des politischen Umfelds für die Stromfirmen ist auch beim letzten angekündigten Liberalisierungsschritt wieder deutlich geworden – wer es nicht glaubt, kann es in der Presse nachlesen. Verschiedenste Interessenvertreter (auch solche aus der Strombranche) kündigen Widerstand an gegen den Liberalisierungsschritt aus den unterschiedlichsten Motivationsfaktoren.

 

 

 

 

2 Antworten zu “Liberalisierung – ein Dauerbrenner im Strommarkt”

  1. Franco

    Spannender Beitrag, der die häufig gehörte Kontroverse „bei uns ist alles anders“ differenziert aufnimmt.

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  2. Wale

    Eine Herausforderung dürfte sein, den bisheriegen Strombezüger zum treuen Kunden zu machen. Damit nicht die Wechselkosten den kleinen Profit im Energiegeschäft zunichte machen.

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